Eine Fotosammlung

Manche Typografen fotografieren
Hausbeschriftungen. Während langer
Zeit konnte man dabei einer
faszinierenden Gegenwelt begegnen,
zu den Satzalphabeten, die man
aus dem beruflichen Alltag kannte:
Schriftentwürfe zum Beispiel,
die nur in wenigen Buchstaben
ausgeführt existierten (Grossbuch-
staben meistens), grosszügig-
zweckmässige Formen, extreme
Grössen, drei
dimensionale Gestaltung,
Farben.

Hier sind einige meiner Fotos.
Sie stammen aus nun schon mehr als
vierzig Jahren und erzählen von
Vergangenem und neu Entstandenem
in einer Zeit der Umbrüche.

Näheres zu einzelnen Bildern erfährt
man, wenn man sie zur Vergrösserung
anklickt.



Architektur und Schrift

Die Beziehung einer Beschriftung
zu ihrem Bau kann von ganz
unterschiedlichem Charakter sein:

Die Fassade lädt mit vorbereiteten
leeren Flächen zum Beschriften ein.

Die Schrift drängt sich einer Fassade,
die zur Beschriftung nie vorgesehen
war, nachträglich auf.

Die Beschriftung findet einen
Ort an der Fassade, der genügend
geeigneten Hintergrund bietet.


Die Architektur formt die Schrift

Der Ort an einer Fassade, der zum
Beschriften ausgewählt wurde,
beeinflusst manchmal die Form der
Schrift, die darauf zu stehen kommt.

Form und Proportionen der Hinter-
grundfläche können zu Stauchen oder
Verzerren der Schrift zwingen oder
die Wahl einer besonderen Schriftart
nahe legen.

Säulen, Hausecken oder sonst
fehlender Spielraum in der Breite
legen es manchmal nahe, abwärts
statt seitwärts zu schreiben.

Eine Schrift allerdings, die zur
Bildung möglichst kompakter waag-
rechter Zeilen gestaltet wurde,
bildet nicht von selbst auch über-
zeugende senkrechte Kolonnen.
Deshalb sind abwärts laufende
Beschriftungen meist mit besonderen
Buchstaben gestaltet, die speziell
zum Abwärtsschreiben entworfen
wurden.





Typologie

Die technischen Wege, eine Schrift
an ein Gebäude zu bringen, kann
man in drei grundsätzlichen Varianten
zusammenfassen:

Direkt auf die Fassade (mit Farbe
oder als vertieftes/erhabenes Relief)

Auf Schildern (eingebaut oder
freistehend, rechteckig oder expressiv
geformt, flächig oder kubisch)

Als einzelne Buchstaben (vorgehängt
oder freistehend, zwei- oder drei-
dimensional)


Material und Bearbeitung

Dreidimensionale Einzelbuchstaben
erhalten ihre besondere Form oft
aus den Eigenschaften des Materials,
aus dem sie gearbeitet sind.

Die Bildung von Buchstaben aus
Latten oder Balken zum Beispiel legt
das Reduzieren aller Formen auf
Gerade nahe und das Zusammenfügen
in rechten Winkeln.

Gestaltung aus Draht oder Metall-
streifen lädt zum Formen von Bögen
ein, stellt aber Probleme bei Ecken
und Verzweigungen.

Zeichen die aus Materialblöcken
herausgearbeitet wurden, bleiben
meistens charakterisiert von
der rechteckigen oder kubischen
Ursprungsform.



Mosaike und Raster

Aus Mosaiksteinen zusammen-
gesetzte Zeichen gab es schon an
Bauten
der Römerzeit.

Für unsere Gegenwart war eher
das umgekehrte Prinzip
folgenreich:
das Aufteilen von
Zeichen in gleiche, sich modular
wiederholende Elemente.

Modulare Schriften sind - meist
zur Erleichrung des Nachzeichnens -
auf Quadratrastern aufgebaut.
Dem folgen allerdings nur die Senk-
rechten und Waagrechten;
Diagonale und Bögen schneiden die
zu Grunde gelegte Struktur.

Digitale Gestaltung setzt voraus,
dass sämtliche Striche einer
Schrift, und auch der gesamte
Hintergrund, aus den gleichen
Elementen gebildet werden.



Malerei

Eine wirksame Massnahme zur
Hervorhebung eines Gebäudes aus
seiner Umbebung ist bereits ein
besonderer Farbanstrich.

Die eigentichen Spezialisten der
Architekturbeschriftung waren die
Schriften- und Schildermaler.
Ausser Baubeschriftungen führten sie
auch Werbeprojekte an gemieteten
Aussenwänden aus.

Maler arbeiten in der Regel nach
den Entwürfen von Gestaltern,
seltener
nach eigener Vorstellung.

Es gibt aber auch eigene Schrift-
kreationen der Maler. Einige von
ihnen haben gelegentlich die
Gestaltung neuer Druckschriften
inspiriert.



Schriftkreationen

Die Schriftenmaler haben in ihrer
Berufstradition eigene Formen der
Schrift entwickelt.

Eine davon entstand wohl aus einem
Arbeitsgerät der Maler: begradigte,
Kurven vermeidende Buchstaben-
formen
waren mit dem Lineal leichter
vorzuzeichnen als normale Schrift
mit heiklen weiten Bögen.

Ein weiteres Hilfsmittel beim Malen,
generierte besondere Formen:
Schriftschablonen. Diese erfordern,
damit sie zusammenhängend
bleiben, Brücken vom Hintergrund
zu den Innenformen. Diese Brücken
teilen jeden Buchstaben in einzelne
Teile auf und führen zu dem
charakteristischen, rhythmisch unter-
brochenen Schriftbild.

Ein beliebtes Feld der Malerei war
schon immer das Erzeugen von
Illusionen; bei der Schriftenmalerei
ist es die Illusion der dritten
Dimension. Angefügte Seiten- und
Untersicht oder Schlagschatten lassen
gemalte Buchstaben räumlich
abgehoben erscheinen.


Druckschriften an Bauten

Der Einzug des Computers in die
Architekturbeschriftung ebnete den
Druckschriften den Weg an die
Hauswand.

Der Druck von typografischen Vorlagen
in übergrossen Formaten erleichterte
nicht nur das Ausführen aller
Beschriftungsprojekte, sondern kam
auch der Idee des Corporate Design
entgegen. Endlich wurde es möglich,
die gleiche Schrift auf einen Briefkopf
wie auch an die Fassade zu drucken.

Seither scheint sich allerdings die
allgemeine Wahrnehmung einzuengen:
«Schrift» wird zunehmend als
«Druckschrift» verstanden, also als
standardisiertes Produkt mit einem
Markennamen.

Heute sehen wir eine Verdrängung
der Architekturschriften durch
Druckschriften. Vielleicht erinnern
bald nur noch Fotos wie in dieser
Serie an die Schriften aus der
Baubranche.
Sie machten sich gut in
gebauter Umgebung.





Hans-Christian Pulver

1941 geboren, lebt in der Nähe von Basel

Ausbildung zum Typografen noch
zu den Zeiten des Bleisatzes

Tätigkeit als Gestalter, Lehrer für
Schriftentwurf und Typografie an der
Schule für Gestaltung Basel, auch
an Schulen in Deutschland, den USA
und Indien

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